Rezension von Oliver Guntner

KULTURKOLORIST

Terry Prachett: Ruhig Blut!

Der Titel des Buches verspricht nicht zu wenig. Bizarr geht es zu in Terry Prachetts selbst geschaffenem Universum voll Parodie und Charme. Der Roman beweist trotz seines Alters (13 Jahre) zeitlose Aktualität: Im kleinen Königreich Lancre tauchen Vampire auf, die sich von ihren alten Knoblauch- und Weihwasserphobien entfernt haben und bringen nicht nur das Blut ihrer unliebsamen Gegenspieler, der Hexen von Lancre, in Wallung. Im Kampf der Mysterien stellt sich dem Leser folglich die Glaubensfrage, die jedoch einfach zu beantworten ist: “Ich glaube, das macht (den) Heidenspaß.”

 

Besonders Neulinge stolpern anfangs etwas über Pratchetts Art, die Vorgänge indirekt einzuleiten und werden verzweifelt nach dem “Marco Polo Scheibenwelt” Ausschau halten. Obwohl viele Bekannte und zahlreiche Querverweise zu anderen Scheibenwelt-Romanen auftreten, kann man dennoch mit diesem Werk einen zufriedenstellenden Einstieg erhalten, auch wenn er chronologisch den (bisher) letzten Teil des Hexen-Zyklus beschreibt.

 

Es treten zahlreiche Personen auf, die durch ihre skurrile Ader alle sympathisch werden, wodurch sicher allerdings auch die Klarheit über die Situation verliert. Die Komik drückt die Handlung, hält den Leser aber bei der Stange, gelockt durch Wortwitz und grotesken Szenen.

Viel Dialog und urkomische Gesprächssituationen kennzeichnen Prachetts Charaktere, was dazu führt, dass man nach den ersten 50 Seiten immer noch kein klares Bild davon hat, wer den Hauptcharakter verkörpern soll. Die vielen Handlungsstränge, die von belanglos bis entscheidend reichen, machen die Sache nicht besser.

 

Dennoch werden im Laufe des Geschehens Klischees aufgerüttet und in ihr Gegenteil verkehrt. Es ist diese Gier nach einem neuen Lacher, der weiterlesen lässt. Die Komik zieht den Leser von Szene zu Szene. Grundsätzlich vertragen sich Spannung und Humor nicht, und dieser Scheibenwelt-Roman lebt keinesfalls von Spannung. Er hat es auch nicht nötig, obwohl die Charaktertiefe, die am Anfang des Buches aufgebaut werden muss das Geschehen abbremst und die in der Mitte der Geschichte ablaufenden Handlungen und zu Grunde liegenden Motive sich manchmal in einem konfusen Wechselspiel widersprechen. Das zieht zum Beispiel die Bedrohung durch die Antagonisten ins Lächerliche, aber was soll man auch von Prachett sonst erwarten? Am Ende des Mittelteils jedoch macht er einen Ansatz, der ungeahnter Tiefe zeugt. Die reine Ernsthaftigkeit wurde intelligent mit Dramaturgie verbunden und vollführt hier eine, wenn auch nur kurze, aber im Gedächtnis bleibende, Formvollendung.

 

“Ruhig Blut! Ein Roman von der bizarren Scheibenwelt” zeigt uns metapherreich, dass aus hervorragenden Geschichten keine angespannten Nerven hervorgehen müssen, es darf auch der Schmerz von verkrampften Lachmuskeln sein. Für alle, die sich den Trip in den paradoxen Irrsinn des eigenen Lebens verweigern, sei dieser Roman die Chance um gefahrlos durch die rosarote Brille das Spiegelbild in der Scheibenwelt zu betrachten. Om sei Dank!

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